Horch und Guck, Heft 37 1/2002 von Frau Dr. Barbara Barsch Andere Texte von:
Gotthold Gloger
   Arno Mohr  Günter Feist
Das "Große" und das "Kleine Nein" Rene Graetz in den Auseinandersetzungen seiner Zeit (Auszüge)
Der Bildhauer, Maler und Zeichner Rene Graetz war eine interessante und vielgestaltige Persönlichkeit. Weitgereist und kenntnisreich, kam er 1946 zusammen mit Emigranten aus Großbritannien und seiner schönen und ebenso erfolgreichen jungen Frau Elizabeth Shaw ins kleinbürgerlich geprägte Deutschland, in den sowjetischen Sektor Berlins. Hier will er all sein Wissen und Können zum Wohle der Menschen einbringen. Man könnte Graetz als einen Staatskünstler der DDR bezeichnen, schuf er doch im Auftrage dieses Staates Monumente wie das Ehrenmal im KZ Sachsenhausen, Reliefstelen für die Gedenkstätte des KZ Buchenwald oder das Wandbild "Krieg und Frieden" für den Palast der Republik. Er war Nationalpreisträger der DDR, und doch war er einer der umstrittensten, von den DDR-Kulturpolitikern über Jahrzehnte hinweg angegriffenen Künstler. Als Graetz nach Deutschland kam, war er 38 Jahre alt und hatte ganz feste Vorstellungen von dem, was jetzt für einen Künstler in einem demokratischen und sozialistischen Deutschland zu tun ist. Er war ein selbstständig handelnder und denkender Mensch. Graetz war immer aktiv und voller Pläne, die er umzusetzen versuchte, äußerte sich in jeder Diskussion und sagte seine Meinung zu den anstehenden Problemen. Und es scheint so, dass es bei bestimmten SED-treuen Kulturfunktionären und Kritikern mit den Jahren üblich wurde, ihn immer wieder im negativen Sinne zu zitieren und an seinem Beispiel die als ideologisch falsch gewerteten Ansichten zu verdeutlichen. Da für Graetz der Sozialismus die modernste und fortschrittlichste Gesellschaftsordnung war, sollte auch die Kunst und Kultur sich an dem Modernsten und Fortschrittlichsten in der zeitgenössischen Kunst orientieren. Deshalb konnte er sich nicht mit dem engen Begriff des sozialistischen Realismus, wie er lange Zeit in der DDR propagiert wurde, arrangieren. Zeit seines Lebens sah er von der Formenwelt Picassos, Matisses, Henry Moores, der mexikanischen Wandmaler wie Siqueiros oder Rivera oder dem Italiener Guttuso die für seine Epoche wichtigsten künstlerischen Impulse ausgehen. Der Streit begann gleich nach seiner Ankunft in Deutschland. Er steigerte sich zu einem für die DDR-Kulturpolitik wesentlichen Faktum, als Herbert Sandberg 1954 Chefredakteur der Zeitschrift "Bildende Kunst" wurde und hierfür kurze Zeit kulturpolitisch relevante Fragen offen und anders als offiziell vorgegeben diskutiert wurden. 1957 fuhr Graetz gemeinsam mit Herbert Sandberg nach Italien, eine Reise, die ihn so begeisterte, weil er dort seinen italienischen Ursprung fühlte, weil das Leben und der Umgang mit der Kunst in diesem Lande seinem Temperament entsprachen. Unter dem Titel "Was ich in Italien lernte" schrieb er in der "Bildenden Kunst": "...Die Kunst gehört dem Volke, ohne dass viel darüber diskutiert oder theoretisiert wird... Wie verschieden doch die Formen des Realismus sind! Und wie leer der Realismus oft sein kann, nicht nur in Italien, sondern auch bei uns!... Wir müssen lernen, unseren großen Traditionen zu vertrauen. Wie viel weiter wären wir heute in der bildenden Kunst, wären wir mutiger gewesen, hätten wir mehr im Geist der Unabhängigkeit gearbeitet, unseren eigenen Traditionen, dem Expressionismus folgend, der unsere nationale Form des Realismus ist! Das habe ich in Italien mit seinem Kampfgeist, seiner einzigartigen Tradition und seinen mutigen Menschen gelernt. Gesegnetes Italien!" Diese Äußerungen waren im höchsten Maße provokativ. Denn Graetz spielte hier auf die Formalismus-Debatte der Jahre 1948 bis 1953 an, bei der es um die Durchsetzung der von Moskau ausgehenden Kulturpolitik mit einem sehr eng gefassten Realismusbegriff ging. Er nannte den von der kommunistischen Kulturtheorie und Politik verteufelten Expressionismus gar "die nationale Form des Realismus", und er endet mit "Gesegnetes Italien", eine weitere Provokation für das orthodox atheistische Staatssystem. Im Oktober 1957 hat Alexander Abusch auf der 1. Kulturkonferenz der SED darauf reagiert, indem er sagte: "... Heute hat die Wiederholung der Formzertrümmerung des Expressionismus nicht mehr den Sinn einer spontanen Revolte unklarer Künstler gegen die Unmenschlichkeit und die kulturelle Sterilität der spätbürgerlichen Gesellschaft, sondern sie ist, ob es dem Künstler bewußt oder nicht bewußt ist, objektiv ein Stück der kulturellen Enthumanisierung und Sterilität dieser bürgerlichen Gesellschaft selbst. Völlig antihistorisch und antimarxistisch, für die Entwicklung unserer neuen sozialistischen Kunst zersetzend, ist deshalb die >Theorie< des Genossen Rene Graetz, der Expressionismus sei die deutsche Tradition des Realismus." Nach dem Bau der Mauer und der abermaligen Verschärfung des Kalten Krieges wurde diese Argumentation erneut aufgenommen. Siegfried Begenau schrieb 1961 ironisch: " Wer wüßte nicht mehr, wie zunächst der deutsche Expressionismus, dann der italienische Neorealismus, später die mißverstandenen Mexikaner und schließlich Picasso zu Meilensteinen erhoben wurden? Endlich landete man, wiederum völlig undogmatisch bewundernd und andächtig, auf dem durchlöcherten Meilenstein Henry Moores." Er hatte sorgfältig aufgezählt, welchen Richtungen und Künstlern Graetz` Bewunderung galt. Im gleichen Jahr wurde in einer Stellungnahme des Verbandes Bildender Künstler auf Graetz` Ansichten eingegangen: "Der sogenannte >Modernismus< ist nicht von seiner reaktionären antihumanistischen ideologischen Grundlage zu trennen. Zwischen ihm und dem sozialistischen Realismus kann es keine Vermittlung geben. Alle Versuche, sozialistische Inhalte mit Elementen, die aus der Formzerstörung herkommen zu gestalten, führten und führen zu Einengung, Verzerrung und Verfälschung der Kunst und damit der Wirklichkeit... Der Expressionismus und expressive Gestaltungsformen in der Kunst sind zwei verschiedene Dinge. Eine expressive Formensprache hat es in der Kunstgeschichte, und nicht nur in der deutschen, sehr oft gegeben. Die These vom Expressionismus als der spezifisch deutschen Kunsttradition ist ein Hemmnis bei der kritischen Aneignung aller progressiven Traditionen in der Kunst unseres Volkes." Weitere Stimmen wurden in der Zeitschrift "Bildende Kunst" laut: "Wo ist das Mystische, Düstere und Hoffnungslose in unserem Leben, das die Anwendung expressionistischer Formenmittel rechtfertigt. Der expressionistische Formenkanon ist Ausdruck einer weit fortgeschrittenen Entfremdung vom Leben..." Oder man zweifelte, dass der "Expressionismus, nach noch vertretener Meinung, >die nationale Form des Realismus< sei. Das eigentliche Erbe innerhalb der deutschen Kunstentwicklung liegt vor allem bei den künstlerischen Errungenschaften der Renaissance und Klassik."
1962 schätzte der Leiter der Abteilung Kultur beim ZK der SED, Siegfried Wagner, in einem internen Report ein, die Parteiarbeit im Künstlerverband werde "völlig von den Auseinandersetzungen mit einigen revisionistisch orientierten Genossen Künstlern ausgezehrt, besonders mit den Genosse Herbert Sandberg und Rene Graetz. Diese Genossen vertreten zur Zeit die Position des >Großen Ja< (zur Gesamtpolitik der Partei) und des >Kleinen Nein< (zur Kulturpolitik der Partei). Sie sind der Meinung, daß jetzt nach dem 13. August die Kulturpolitik weitgehend liberalisiert werden könne. Unter dem Deckmantel der Überwindung dogmatischer Erscheinungen nach dem XX. und dem XXI. Parteitag streben sie eine Revision der Stellung der Partei zur dekadenten Kunst der Zwanziger Jahre an und versuchen so, einen Stoß gegen den sozialistischen Realismus zu führen."
In den Veröffentlichungen wurde nur Graetz namentlich genannt. Wie man aber an dem internen Bericht sehen kann, waren auch andere, die diese Meinung vertraten, Herbert Sandberg etwa, im Visier der Machthaber. Auch sie waren immer mit gemeint, wenn Kritik an Graetz' Äußerungen geübt wurde. So hatte Graetz die Funktion des Sündenbocks für eine ganze Gruppe von Künstlern, die anderer Meinung war, als sie die DDR-Kulturpolitik vorschrieb. Warum ausgerechnet er? Ich vermute zum einen, weil er stets unerschrocken seine Meinung sagte und sich damit freiwillig zum Sprecher machte, zum anderen, weil die DDR-Funktionäre ihn nicht von früher her kannten und ihm misstrauten. Er war nach dem Krieg aufgetaucht, hatte eine bewegte Biographie, aber eigentlich keine kommunistische oder antifaschistische Vergangenheit. Graetz haftete zudem der Makel der "West-Emigration" an. Herbert Sandberg dagegen war 1928 nach Berlin gekommen, hatte in der KPD aktiv mitgearbeitet, war Mitglied der ASSO gewesen, hatte von 1934 bis 1945 im Zuchthaus Brandenburg und später im KZ Buchenwald gesessen. Ihn wollte man offenbar nicht weiter öffentlich brüskieren, nachdem er bereits 1957 seiner Funktion als Chefredakteur enthoben worden war. Graetz aber hätte man ohne Bedauern wieder gen Westen ziehen lassen. Zweitens verletzte Graetz mit seinem Auftreten das Prinzip der leninistischen Parteidisziplin, was die Parteispitze nicht hinnehmen konnte. Öffentlich geäußerte abweichende Meinungen konnten nicht einfach übergangen werden, selbst wenn man sicher sein konnte, dass dahinter keine Verschwörung steckte. "Für diese Zeit sind erste zielgerichtet Überwachungen von Künstlern nachweisbar: Cremer, Sandberg, Graetz, allesamt Parteigenossen mit kommunistischer Überzeugung, waren in die Schußlinie geraten, weil sie dogmatische Maßgaben in der Kunstpolitik zu hinterfragen wagten." Und drittens war die Einschätzung des Expressionismus und der expressiven Stilmittel der Nachkriegszeit tatsächlich auch ein inhaltliches und politisches Problem des Kalten Krieges. Die Einschätzung, dass der Expressionismus eine geistige Vorreiterrolle für den Faschismus gespielt hatte, existierte in West und Ost gleichermaßen, freilich auf der einen Seite als subjektive Meinung und auf der anderen als Staatsdoktrin. Natürlich wusste Graetz, dass seine Auffassungen im höchsten Grade provokativ waren. Dass sie von der einen wie der anderen Seite instrumentalisiert wurden, konnten er und seine Mitstreiter nicht ahnen. Ihnen ging es um die Kunst und die Durchsetzung eines Realismusbegriffes, der es den Künstlern ermöglicht, schöpferisch zu arbeiten. Er wollte den Denkprozess immer wieder von neuem anregen und nicht zuletzt die Ansicht durchsetzen, dass die Formenwelt Picassos und anderer Künstler des 20. Jahrhunderts für die sozialistische Kunst relevant sei. Erst im Laufe der 60er Jahre begann Rene Graetz, der ewigen fruchtlosen Auseinandersetzungen müde, sich mehr und mehr auf sich selbst zu konzentrieren. Die Zeiten, wo er andere von seiner Meinung überzeugen wollte, waren vorüber. Doch seinen Überzeugungen blieb er weiterhin treu. 1970 schrieb er in sein Tagebuch: "Jetzt habe ich das Gefühl, daß ich auf eigenen Beinen stehen muß. Vielleicht zum ersten Mal seit 1950 - Es gibt kein Zurückgehen. Eigentlich ein schönes Gefühl! - Abstand zu halten und sich unabhängig zu fühlen von all dem falschen theoretischen Druck, der in der Tat wenig Bedeutung hat für die künstlerische Produktion. Dies sind so viele Bindungen ohne Bedeutung, nur ein Mittel über die Gedanken anderer zu herrschen - in der Tat unschöpferisch. "
1974 starb Rene Graetz mit 66 Jahren an Herzversagen. Dr. Barbara Barsch: Studium der Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1982 Promotion, Redakteurin der Zeitschrift "Bildende Kunst", seit 1991 Leiterin des Berliner Büros und der ifa-Galerie Berlin des Instituts für Auslandsbeziehungen. Anmerkungen siehe Heft"Horch und Guck"